WZGÜZSK

Krems (Österreich), 2012

»Was soll Realität verändern, wenn nicht der Alltag?«

 
Gemeinsam mit zehn Gesprächspartnern wird Friedrich von Borries bei der Globart Academy in Krems (27.-30. September 2012) über die globale Zukunft nachdenken
 
Im Interview mit Daniel Ender (der Standard) erklärte Friedrich von Borries den Hintergrund seines WZGÜZSK-Projekts. Ehe das Gespräch beginnen kann, muss Friedrich von Borries erst das Geheimnis des unaussprechlichen Kürzels WZGÜZSK klären: Es ist, so von Borries, der "Code für die Entwurfsaufgaben der Zukunft". W steht für Weltentwerfen, das wiederum bedeutet ein "Selbstverständnis des Gestaltens, das über die Befriedigung von Konsumbedürfnissen, Profiterwartungen und technischen Innovationen hinausgeht". ZG bedeutet Zukunft gestalten - und das lässt sich nur, wenn das Überleben gesichert ist. Das zweite Z steht für Zusammenleben, S für Selbstsein und K für Kultur.
STANDARD: Sie wollen in Krems also "die Welt neu entwerfen." Warum brauchen Sie im Gegensatz zu dem Gott in der Genesis dafür nur etwas mehr als drei Stunden?
Friedrich von Borries: Na ja, dass wir die Welt neu entwerfen, ist vielleicht etwas hoch gegriffen. Mir geht es darum, klarzumachen, dass wir heute nicht nur Häuser und Produkte entwerfen, sondern die ganze Welt. Diese Welt ist vom Menschen geprägt, er hat sie gestaltet - ob nun mit Absicht oder nicht.
STANDARD: Sie sind Designtheoretiker. WZGÜZSK wird dezidiert als Experiment bezeichnet. Schließen sich Design und Experiment nicht eigentlich aus?
Borries: Es wäre schön, wenn Designer und Architekten sich bewusst wären, dass sie die Welt umfassend gestalten. Die meisten sagen doch: Ich mache doch nur Produkte.
STANDARD: Was ist das Schlechte daran?
Borries: Damit berauben sie sich ihrer eigenen Kraft. Wer in un serer Gesellschaft ist denn für die Entwicklung von Alternativen, neuen Träumen und Fantasien für das scheinbar Unmögliche zuständig, wenn nicht Künstler, Designer und Architekten? Insofern ist nichts wichtiger, als zu experimentieren, Neues auszuprobieren. Und dabei natürlich auch einmal zu scheitern. Ein Experiment ist die Veranstaltung aber auch, weil ich nicht nur mit Designern und Architekten, sondern auch mit Künstlern, Theaterleuten, Psychologen und Wirtschaftswissenschaftlern reden werde - die gestalten die Welt schließlich auch.
STANDARD: Können wir die Kehrseiten der Produkte, mit denen wir uns umgeben, noch überblicken?
Borries: Es gehört zu den wesentlichsten Erkenntnissen der Moderne, die Folgen des eigenen Handelns nicht mehr abschätzen zu können. Deshalb sollten wir ja auch aus der Atomenergie aussteigen, weil wir alle wissen, dass wir die Folgen nicht im Griff haben. Bei allem, was wir neu entwerfen, entwickeln, erfinden, sollten wir das im Blick haben: Gute Absicht allein schützt noch nicht vor schlimmen Folgen. Aber das sollte uns nicht entmutigen, dennoch zu versuchen, sinnvolle Dinge zu gestalten und nicht jedem Marketing-Hype hinterherzulaufen.
STANDARD: Die Form von Gegenständen wirkt weit über die Dinge selbst hinaus. Inwieweit kann un ser Umgang mit diesen Dingen des Alltags die Realität verändern?
Borries: Was soll denn sonst die Realität verändern, wenn nicht der Alltag? Wobei ich die Dinge nicht so in den Vordergrund stellen würde, denn es gibt ja auch sehr viel Gestaltetes, was nicht dinglich ist: Die Art, wie wir zusammenleben, die Art, wie wir unsere Zeit strukturieren, die Art, wie wir unsere Gefühle ausdrücken. Das sind ja keine unveränderlichen Gegebenheiten, sondern Ergebnisse kultureller Prozesse, die ebenfalls Gegenstand von Gestaltung sind.
STANDARD: Worauf achten Sie selbst bei einem Gebrauchsgegenstand zuerst?
Borries: Es wäre gelogen, wenn ich nicht zugeben würde, dass ich auch zuerst einmal schaue, ob mich etwas anspricht, ob ich es schön finde, interessant, attraktiv. Aber dann kommt eine zweite Ebene: Brauche ich es wirklich? Engt es mich nicht sogar ein? Und wenn ich es wirklich zu brauchen meine, dann frage ich mich, ob ich es wirklich neu kaufen muss oder ob ich es mir nicht auch leihen könnte oder ob ich es gebraucht bekommen könnte.
STANDARD: Ihr Begriff des Gestaltens ist ebenso ambitioniert, wie der Anspruch, die Welt dadurch zu "retten", utopisch erscheint. Sehen Sie sich selbst als Aufklärer, sind Sie Optimist?
Borries: Ja, ich verstehe mich als Aufklärer. Aber auch als positiven Realisten, denn der Optimist neigt ja dazu, zu sagen: Es wird schon werden. Und dem halte ich entgegen: Nein, das Verändern der Welt müssen wir schon gemeinsam anpacken und dafür auch etwas tun.
STANDARD: "Fiktion ist die beste Tarnung der Realität", heißt es in Ihrem Roman "1WTC" über die Folgen von 9/11. Viel wurde darüber gerätselt. Was haben Sie mit dem Buch im Schilde geführt?
Borries: Am Ende geht es immer um dieselbe Frage: Wie kann man die Welt, in der wir leben, verändern, und in welche Richtung? Und welche Möglichkeiten haben wir als Architekten, Designer, Künstler, sich der drückenden Vormacht des Ökonomischen und Militärischen entgegenzustellen? Davon erzählt der Roman 1WTC, und darum geht es letztlich auch bei WZGÜZK. (Daniel Ender, DER STANDARD, 26.9.2012)